Foto: Habach Bau
Die Statistik sendet ein widersprüchliches Signal: Die Baugenehmigungszahlen im Wohnungsbau steigen wieder, gleichzeitig erreichten die tatsächlichen Fertigstellungen 2025 mit 206.600 Wohnungen den niedrigsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Zwischen Genehmigung und fertigem Gebäude klafft eine Lücke, die sich in den vergangenen Jahren systematisch vergrößert hat – mit realen Konsequenzen für Mieter, Bauherren und die gesamte Branche.
Die Zahlen: Mehr Genehmigungen, aber weit unter dem Ziel
Laut Statistischem Bundesamt genehmigten die Behörden im März 2026 spürbar mehr Wohnungen als im Vorjahresmonat. Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), ordnete die Entwicklung dennoch nüchtern ein: Der Bedarf bleibe bestehen, die Genehmigungszahlen lägen weiterhin deutlich unter dem politisch formulierten Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr. Dieses Ziel, das bereits in der vergangenen Legislaturperiode ausgegeben wurde, erscheint angesichts der aktuellen Dynamik nahezu unerreichbar.
Der Bauüberhang: Genehmigt heißt nicht gebaut
Entscheidend ist die Differenz zwischen Genehmigung und Baubeginn. Der sogenannte Bauüberhang – also die Zahl genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen – wächst weiter. Die Gründe sind vielfältig: gestiegene Materialkosten, nach wie vor erhöhte Finanzierungszinsen, Fachkräftemangel und eine unsichere Förderlandschaft. Viele Bauherren warten ab, ob sich die Rahmenbedingungen verbessern, bevor sie den Spatenstich wagen. Andere kalkulieren Projekte durch, die sich schlicht nicht mehr rechnen.
Vergabebeschleunigung und BauGB-Novelle: Hilfe mit Verzögerung
Die Bundesregierung hat in den vergangenen Wochen zwei Instrumente auf den Weg gebracht, die mittelfristig Wirkung entfalten sollen. Das Vergabebeschleunigungsgesetz, Anfang Mai vom Bundesrat gebilligt, soll öffentliche Bauaufträge schneller in die Umsetzung bringen – vor allem im Infrastrukturbereich, mit indirekten Effekten auch für den Wohnungsbau. Ende Mai folgte die Novelle des Baugesetzbuchs, die Planungs- und Genehmigungsverfahren straffen soll.
Der ZDB begrüßte beide Schritte, warnte aber vor überzogenen Erwartungen. Die BauGB-Novelle sei "nur die halbe Miete", so Pakleppa. Schnellere Genehmigungen nützten wenig, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Investoren abschreckten. Was fehle, seien verlässliche Abschreibungsmöglichkeiten, eine Verstetigung der Förderprogramme und ein klares Signal an die Bauwirtschaft, dass der Staat den Wohnungsbau nicht nur rhetorisch, sondern auch fiskalisch priorisiere.
Was bedeutet das für Mitteldeutschland?
In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen zeigt sich die Lage differenziert. Die großen Universitätsstädte Halle, Leipzig und Jena verzeichnen anhaltend hohe Nachfrage nach Wohnraum – hier wird jede genehmigte und tatsächlich gebaute Wohnung dringend gebraucht. Gleichzeitig steht in ländlichen Regionen Bestandssanierung im Vordergrund: energetische Ertüchtigung, altersgerechter Umbau, Modernisierung von Altbauten aus den 1990er-Jahren, deren erste Sanierungszyklen abgelaufen sind.
Für Bauherren und Eigentümer in der Region ergibt sich daraus eine klare Handlungslogik. Wer auf Neubau setzt, sollte die verbesserten Genehmigungsbedingungen nutzen und frühzeitig Kapazitäten bei regionalen Handwerksbetrieben sichern – denn steigende Genehmigungszahlen werden mittelfristig auch die Auftragsbücher füllen. Wer im Bestand investiert, profitiert bereits jetzt von kürzeren Vorlaufzeiten und verfügbaren Fachkräften. In beiden Fällen gilt: Die Schere zwischen politischem Anspruch und baulicher Realität schließt sich nur, wenn vor Ort tatsächlich gebaut und saniert wird – nicht auf dem Papier, sondern auf der Baustelle.
Quellen & weiterführende Informationen
- Quelle: Wohnungsbau: Genehmigungszahlen steigen, Bedarf bleibt. ZDB Zentralverband Deutsches Baugewerbe / Presseportal, 18.05.2026. Zum Artikel
- Quelle: Wohnungsneubau 2025: Fertigstellungen auf niedrigstem Stand seit über einem Jahrzehnt. ZDB Zentralverband Deutsches Baugewerbe / Presseportal, 22.05.2026. Zum Artikel
- Quelle: Baugewerbe zur BauGB-Novelle: "Ist nur die halbe Miete". ZDB Zentralverband Deutsches Baugewerbe / Presseportal, 27.05.2026. Zum Artikel
- Quelle: Baugewerbe zum Vergabebeschleunigungsgesetz: Wichtiger Schritt für unser Land. ZDB Zentralverband Deutsches Baugewerbe / Presseportal, 08.05.2026. Zum Artikel
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