Foto: Habach Bau
Das deutsche Baugewerbe hat ein Problem, das selten Schlagzeilen macht, aber Hunderttausende Beschäftigte betrifft: Die Branche gehört zu den wenigen Wirtschaftszweigen, die seit Jahrzehnten eine eigene kapitalgedeckte Altersvorsorge betreiben – und fürchtet nun, dass genau diese Vorreiterrolle bei der anstehenden Rentenreform bestraft wird.
Rentenkommission liefert – Baugewerbe warnt
Am 23. Juni hat die Rentenkommission der Bundesregierung ihre lang erwarteten Reformvorschläge übergeben. Das Gremium empfiehlt unter anderem den Ausbau kapitalgedeckter Vorsorgemodelle als zweite und dritte Säule neben der gesetzlichen Rente. Was auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht für das Baugewerbe klingt, birgt aus Sicht des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) erhebliche Risiken.
ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa forderte eine zügige Umsetzung der Vorschläge, verknüpft mit einer klaren Bedingung: Branchen, die bereits seit Langem kapitalgedeckte Zusatzversorgungen aufgebaut haben, dürften durch neue gesetzliche Regelungen nicht benachteiligt werden. Die Sorge ist konkret: Wenn der Gesetzgeber neue Pflichtmodelle einführt, könnten bestehende Systeme unter Druck geraten – sei es durch Doppelbelastungen der Betriebe oder durch regulatorische Gleichmacherei, die bewährte Strukturen untergräbt.
Die Sonderstellung der Bau-Altersvorsorge
Im Baugewerbe existiert mit der Zusatzversorgungskasse des Baugewerbes (ZVK) und der Pensionskasse der Bauindustrie ein branchenspezifisches System, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Die tariflich vereinbarte Zusatzrente wird von Arbeitgebern finanziert und erreicht nahezu alle gewerblichen Beschäftigten der Branche – auch jene, die häufig den Betrieb wechseln. Gerade diese Portabilität macht das System für eine Branche mit hoher Fluktuation so wertvoll.
Für Bauunternehmen bedeutet die bestehende Zusatzvorsorge allerdings auch erhebliche Kosten. Rund 3,2 Prozent der Bruttolohnsumme fließen in die Zusatzversorgung. Würde eine allgemeine Pflicht zur kapitalgedeckten Vorsorge eingeführt, ohne die bestehenden Bau-Modelle anzurechnen, entstünde eine finanzielle Doppelbelastung, die gerade kleine und mittlere Betriebe empfindlich treffen würde.
Demografie trifft Fachkräftemangel
Die Brisanz des Themas ergibt sich aus der demografischen Realität der Branche. Die Bauwirtschaft altert schneller als andere Sektoren. Der Anteil der über 55-Jährigen auf deutschen Baustellen ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, während der Nachwuchs fehlt. Gleichzeitig ist Bauarbeit körperlich belastend – viele Beschäftigte erreichen die reguläre Altersgrenze nicht im aktiven Arbeitsverhältnis. Eine verlässliche Zusatzrente ist deshalb kein Luxus, sondern existenziell.
Hinzu kommt: In einer Branche, die händeringend Fachkräfte sucht, ist die Zusatzversorgung ein handfestes Rekrutierungsargument. Wer dieses Instrument durch unbedachte Regulierung schwächt, verschärft den Fachkräftemangel zusätzlich.
Konjunkturelle Lage verschärft den Druck
Die Forderung nach Augenmaß bei der Rentenreform fällt in eine Phase, in der das Baugewerbe ohnehin unter erheblichem wirtschaftlichem Druck steht. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes für April zeigen: Die erhoffte Trendwende im Bauhauptgewerbe lässt weiter auf sich warten. Das milliardenschwere Sondervermögen für Infrastruktur ist in den Auftragsbüchern der Betriebe kaum angekommen, steigende Materialpreise – befeuert durch den Konflikt am Golf – belasten die Margen. Jede zusätzliche Kostenbelastung durch sozialpolitische Reformen trifft die Branche in einer verwundbaren Phase.
Was das für Mitteldeutschland bedeutet
Für Bauunternehmen und Handwerksbetriebe in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen hat die Debatte besondere Relevanz. Die Betriebe in der Region sind überdurchschnittlich klein – nach Angaben der Handwerkskammer Halle beschäftigen die meisten Baubetriebe in Sachsen-Anhalt weniger als 20 Mitarbeiter. Zusätzliche Abgabenlasten wirken hier unmittelbarer als bei Großunternehmen. Zugleich ist die Fachkräftesituation in Mitteldeutschland besonders angespannt: Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte in westdeutsche Ballungsräume hält an. Bauherren und Immobilieneigentümer in der Region sollten die Rentendebatte aufmerksam verfolgen – denn was die Betriebe belastet, verteuert am Ende auch Sanierungen, Renovierungen und Neubauprojekte vor Ort.
Quellen & weiterführende Informationen
- Quelle: Baugewerbe zur Rentenreform: Vorreiter bei kapitalgedeckter Vorsorge nicht benachteiligen. ZDB / Presseportal, 23.06.2026. Zum Artikel
- Quelle: Bauhauptgewerbe im April: Trendwende lässt weiter auf sich warten. ZDB / Presseportal, 25.06.2026. Zum Artikel
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