Foto: Habach Bau
Wer in Deutschland bauen oder sanieren will, kennt das Problem: Die Kosten sind in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. Materialpreise, Energiekosten, eine ausufernde Regulierung und immer neue technische Anforderungen haben das Bauen für Privatleute wie für die öffentliche Hand massiv verteuert. Jetzt hat das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) einen «Aktionsplan zur Senkung der Baukosten» vorgelegt. Doch reicht das, um die Trendwende einzuleiten?
Was der Aktionsplan vorsieht
Das Papier aus dem Haus von Bundesbauministerin Klara Geywitz bündelt nach Angaben des Ministeriums rund 30 Einzelmaßnahmen. Im Kern geht es um drei Hebel: erstens die Vereinfachung baurechtlicher Vorschriften, zweitens die Förderung seriellen und modularen Bauens und drittens die Reduktion technischer Normen, die über das europäische Mindestmaß hinausgehen – der sogenannte deutsche Sonderweg bei DIN-Normen. Hinzu kommen Ankündigungen zur stärkeren Digitalisierung von Genehmigungsverfahren und zur Beschleunigung der Typengenehmigung für standardisierte Gebäude.
Branche sieht die Richtung, vermisst das Tempo
Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), kommentierte den Plan mit einer Mischung aus Anerkennung und Ungeduld. Die Richtung stimme, so Pakleppa, aber es brauche «noch mehr Tempo». Das ist diplomatisch formuliert – und meint im Klartext: Viele der angekündigten Maßnahmen sind seit Jahren in der Diskussion, ohne dass sie in der Praxis spürbar angekommen wären.
Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Konjunkturdaten, warum die Branche drängelt. Die April-Zahlen des Bauhauptgewerbes offenbarten erneut, dass die erhoffte Trendwende ausbleibt. Der Wohnungsbau stabilisiert sich zwar auf niedrigem Niveau, doch die Auftragsbücher vieler Betriebe füllen sich nicht. Das milliardenschwere Sondervermögen für Infrastruktur ist bei den Baufirmen bislang kaum angekommen. Gleichzeitig treiben geopolitische Risiken – etwa der Konflikt am Golf – die Materialpreise erneut nach oben.
Normenabbau: Der entscheidende Hebel bleibt stumpf
Der größte Kostentreiber im deutschen Bauwesen ist nicht das Material allein, sondern die Regulierungsdichte. Deutschland leistet sich rund 3.700 Baunormen – mehr als jedes andere europäische Land. Viele davon gehen weit über das hinaus, was Brüssel vorschreibt. Ein Beispiel: Die Anforderungen an den Schallschutz im Wohnungsbau liegen in Deutschland teils 30 Prozent über dem europäischen Standard. Das macht jede Wand, jede Decke, jedes Fenster teurer.
Der Aktionsplan benennt dieses Problem, bleibt aber bei der Umsetzung unverbindlich. Konkrete Streichlisten für obsolete Normen fehlen. Stattdessen soll eine Kommission prüfen, welche Vorschriften entfallen könnten. Branchenkenner befürchten, dass daraus ein jahrelanger Prozess wird – während die Kosten weiter steigen.
Digitalisierung der Genehmigungen: Theorie und Praxis
Auch bei der Digitalisierung klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Bund kündigt digitale Baugenehmigungen an, doch die Zuständigkeit liegt bei den Kommunen und Ländern. In Sachsen-Anhalt beispielsweise arbeiten viele Bauämter noch mit papiergebundenen Verfahren. Die durchschnittliche Genehmigungsdauer für ein Wohnbauprojekt liegt laut einer Erhebung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds bei über 100 Tagen – Tendenz steigend, nicht fallend.
Was das für Bauherren in Mitteldeutschland bedeutet
Für Eigenheimbesitzer und Sanierungswillige in der Region Halle, Leipzig und Umgebung bleibt die Lage widersprüchlich. Einerseits sind die politischen Signale aus Berlin so bau-freundlich wie seit Jahren nicht: Koalitionspaket, Infrastrukturgesetz, Aktionsplan – die Absichtserklärungen häufen sich. Andererseits spüren Handwerksbetriebe und ihre Kunden davon im Alltag wenig. Wer jetzt eine Badsanierung, einen Dachausbau oder eine energetische Ertüchtigung plant, sieht sich weiterhin mit hohen Material- und Lohnkosten konfrontiert. Die Empfehlung erfahrener Baubetriebe ist eindeutig: Projekte nicht aufschieben in der Hoffnung auf sinkende Preise, sondern mit realistischer Kalkulation und regionaler Fachkompetenz planen. Denn eines zeigt der Aktionsplan des Bundes vor allem: Die strukturelle Kostensenkung wird kommen – aber sie wird Zeit brauchen.
Quellen & weiterführende Informationen
- Quelle: Aktionsplan zur Baukostensenkung: Die Richtung stimmt, aber wir brauchen noch mehr Tempo! ZDB / Presseportal, 19.06.2026. Zum Artikel
- Quelle: Bauhauptgewerbe im April: Trendwende lässt weiter auf sich warten. ZDB / Presseportal, 25.06.2026. Zum Artikel
- Quelle: Programm für Aufschwung und Beschäftigung: Richtiger Kurs – jetzt konsequent um- und fortsetzen. ZDB / Presseportal, 02.07.2026. Zum Artikel
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